O ja, nach der letzten prägenden Erfahrung würde ich nie wieder nach der Liebe suchen. Und dann kam die Coronaviruspandemie und mit ihr eine nagende Einsamkeit.
Nach mehr als tausend Kilometern allein auf meinem Fahrrad, das ich mir statt einer Südenglandreise gekauft hatte, kam mir die wieder einmal Anzeige für ein preisreduziertes Abonnement der erfolglosen Partnersuchwebsite unter. Die Verzweiflung ließ mich einen weiteren Versuch starten.
Es war wieder so deprimierend wie zuvor, nur, dass mich der erste Mann gleich versetzte und der Mann danach meinte, er sei krank (später erfuhr ich, dass er ehrlich gewesen war).
Ich war wütend und schrieb aus Frust einem Anderen, von dem mir schien, dass er sich an dem Tag ohnehin langweilte. Erleichtert, dass er besser als auf den Fotos aussah, unterhielten wir uns stundenlang blendend und die Tatsache, dass er zwei Kinder im Volksschulalter hatte, schreckte mich trotz meiner Abneigung gegen Kinder nicht ab.
Meine Zweifel konzentrierten sich eher auf sein riesiges Haus, für das es keine Putzhilfe gab und den angrenzenden aufgelassenen Bauernhof mit seinen Relikten.
Wir trafen uns nach meinem kurzen Aufenthalt in Frankfurt regelmäßig und wurden bald ein Paar.
Die Kinder wollte ich erst nach einigen Monaten kennenlernen, doch ich ließ mich dazu überreden, sie nach ungefähr sechs Wochen zu treffen. Der Eindruck war durchwachsen, weil sie durch Homeschooling und Scheidung der Eltern Defizite in ihrer Entwicklung zeigten.
Wie immer dachte ich, ich würde das schon schaffen, doch die soziale Komponente des Lebens war noch nie meine Stärke.
Lernschwierigkeiten, psychische Probleme der Kinder und meinerseits entwickelten sich zu einem Pulverfass.
Auch kam ein Detail zum Vorschein, das zu Beginn „vergessen“ worden war: er hatte mich zwei Monate nach seiner Scheidung kennengelernt und war nicht über seine Ex-Frau hinweggekommen. Sie ist hinreißend schön, nicht gerade selbstbewusst und hat nur geringen intellektuellen Anspruch, hatte zu jung geheiratet und sich für ihn stark verändert. Mit den Jahren hatte sie gemerkt, dass dieses Leben nicht zu ihr passte und entwickelte sich ihn ihre Richtung, die sich von ihm meilenweit entfernte.
Sein verletzliches Ego kam damit nicht zurecht und mit den Monaten merkte ich, dass er nicht nur in dieser Hinsicht leicht kränkbar war.
Stundenlange Monologe über die Schlechtigkeit seiner Mitmenschen ließen sogar mich für gewöhnlich gute Zuhörerin gedanklich abschweifen.
Ich durfte mein Elektroauto bei ihm aufladen, was mir schlechtes Gewissen bereitete wie der Umstand, dass ich Zeit bei ihm verbrachte und nichts in sein Haus investiert hatte. Nachdem ich gemerkt hatte, wie geizig er war, dachte ich, es würde uns beiden helfen, wenn ich mich finanziell einbrachte. Daher schlug ich vor, das Geld für eine Photovoltaikanlage bereitzustellen, wenn unsere Beziehung stabil genug war, um ein Jahr lang zu halten. Das vergaß er nicht und ich hielt mein teures Versprechen.
Trotz des Wortschwalles, der auf immer wieder mich niederging, erzählte er mir die wichtigen Dinge nicht, etwa, dass seine Kinder im Hintergrund unsere Beziehung demolierten. Das gestand er mir erst, als ich mich bereits in einem psychischen Ausnahmezustand befand. Ich bot ihm an, die Beziehung zu beenden, um zumindest diesen Krisenherd in seinem Leben zu beseitigen.
Das bedeutete für ihn eine weitere Niederlage, weil nicht er, sondern ich diesen Schritt setzte und daher meinte er, wir könnten locker zusammenbleiben und sehen, wie es weitergehe. In meiner Dummheit ließ ich mich darauf ein. Das Verhältnis setzte sich nahezu unverändert fort mit dem Unterschied, dass er mir nicht mehr sagte, er liebe mich (es hatte unglaubwürdig geklungen) und sich vorbehielt, mich zu verlassen, sobald sich eine bessere Gelegenheit ergab.
Als Weihnachten vor der Tür stand, war ich unschlüssig, ob es klug sei, ihn zu beschenken, doch er meinte, er hätte etwas für mich gekauft (vermutlich das übliche hässliche Schmuckstück wie immer) und ich entschloss mich dazu, ihm ein Geschenk zu machen, von dem ich wusste, es würde ihm gefallen.
Sieben Tage danach gab ich es zurück, weil er mich genauso sieben Tage vor Weihnachten endgültig verlassen hatte.
Er hatte in den letzten drei Monaten unsere Beziehung wie eine insolvente Firma abgewickelt – löste mich von seinen Freunden und zahlte mir das Geld für die Photovoltaikanlage zurück, weil es doch zu viel gewesen war. In den sozialen Medien sperrte er für mich seine Freundesliste, vermutlich, weil er bereits auf der Suche nach einer anderen Frau war, doch mir erzählte er etwas Anderes.
Obwohl es absehbar gewesen war, traf mich das Ende der Beziehung hart und er hatte die Möglichkeit, mir das sachlich und trotzdem mitfühlend zu erklären.
Oder doch nicht?
Nachdem ich zwei Jahre Zeit gehabt hatte, ihn kennenzulernen, machte es eher den Eindruck auf mich, dass er nun dieses Kapitel seines Lebens mit erhobenem Kopf abschließen konnte, weil er mich verlassen hatte.
Er hatte einen seiner Kämpfe im Leben gewonnen.
Mehr als ein halbes Jahr danach ist in mir der Entschluss gereift, dass ich weiter mein Glück suche, doch von den Männern halte ich Abstand.
Vor kurzem bin ich vierzig Jahre alt geworden – ich bin zu alt für diesen Unsinn.