Schon einmal darüber nachgedacht, wie es gewesen wäre, wenn ihr doch diesen einen Burschen in der Schule geküsst hättet, der so süß aussah?
Das ging mir selten, aber doch durch den Kopf, doch die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Und wenn man es versucht, ist das Ergebnis doch nicht so schön wie man es sich vorgestellt hat.
Im Sommer 2010 bekam meine Schwester Besuch von einem lieben Freund aus Schottland, den auch ich wenige Monate zuvor in Berlin kennengelernt hatte. Ich weiß noch, dass es kurzzeitig wie aus Kübeln schüttete, doch das tat unserer guten Stimmung keinen Abbruch und wir drei beschlossen, tanzen zu gehen. Ein Lokal war schnell ausgewählt und wir genossen den Abend in vollen Zügen.
Nach einer Weile bemerkte ich diesen Mann, den ich nur einmal küssen wollte. Er erkannte mich wieder und wir unterhielten uns gut, tanzten weiter und irgendwann schnappten wir frische Luft, wo wir uns näherkamen. Es war ein perfekter Abend, obwohl sich nach einem frühmorgendlichen Bäckereibesuch unsere Wege trennten. Am nächsten Tag saßen wir einträchtig beim Essen und Kaffee mit anderen Freunden zusammen und ich dachte, der Mensch ist mir sympathisch. Meine Umgebung sah das etwas anders, denn bereits zu diesem Zeitpunkt nannte ihn niemand bei seinem Namen, sondern er war bei allen nur der Wahnsinnige.
Ein paar Wochen später war ich mit meiner Kusine beim Donauinselfest, wo er zu uns stieß und ich den verbleibenden Abend mit ihm verbrachte. Ich hätte reagieren müssen, als ich seinen Aufzug sah – diese kurzen Hosen, die für schon für eine Frau zu viel zeigen und diese ein kleines Bisschen zu verrückte Art, doch das hielt mich nicht davon ab, bei ihm die Nacht zu verbringen.
Er gab mir jedoch ohnehin zu verstehen, dass er nie mit mir schlafen würde, denn das würde er nur mit einer Frau tun, die er liebte….in Ordnung, ich wusste, woran ich war. Am nächsten Morgen zahlte ich unsere Rechnung beim Bäcker, was für ihn selbstverständlich zu sein schien und wir machten einen romantischen Spaziergang am Friedhof. Obwohl ich selbst ein morbider Mensch bin, schien mir das für das zweite Treffen ein wenig zu viel.
Von Zeit zu Zeit rief er mich an, doch wenn sein Name auf dem Display erschien, hätte ich am liebsten abgelehnt. Leider bin ich ein Mensch, der so etwas nie tun würde und das ließ mich ihn näher kennenlernen. Er wollte sich auf Kindergärtner umschulen lassen, doch niemand wollte ihn einstellen. Das war eine weise Entscheidung, da er unter unkontrollierbaren Wutanfällen gepaart mit schwer behandelbaren Depressionen litt und das für mich eine Kombination darstellt, die Kindern nicht zu nahekommen sollte. Abgesehen davon war ein Mann voller Dünkel gegenüber allen, die keine Matura gemacht hatten, obwohl er selbst eine Weile von der Notstandshilfe gelebt hatte.
Weitere wenige Wochen später bekam meine Schwester eine Einladung zu einer Geburtstagsparty. Ich begleitete sie wieder und ich beschloss, B. dorthin mitzunehmen. Die Party war eigenartig, doch meine Schwester hatte einen für sie attraktiven Mann erspäht und wir ließen sie dort, um ihr Glück zu versuchen. Mir war bei dem Gedanken nicht wohl, denn sie hatte bereits einiges getrunken und kannte auf der Party nur wenige Leute.
B. ließ mich wieder bei sich übernachten und das war auch gut, obwohl wir nie miteinander schliefen und seine Bettwäsche immer nach Kartoffelchips roch.
Meine Meinung von Frühaufstehern wurde durch ihn nicht verbessert, als er mich noch vor acht Uhr aus dem Bett warf, weil er auf die Kinder von Bekannten aufpassen wollte.
Nun war ich ausgesetzt in einer großen Stadt und wollte meine Schwester aufsuchen, die auf keinen meiner Anrufe reagierte. So ging ich in ein nahegelegenes Kaffeehaus, bis sie endlich aus ihrem komatösen Schlaf erwachte.
Sie hatte sich in einen massiven Rausch getrunken, jedoch Vorkehrungen getroffen, nachdem sie sich einmal aus einem für sie gerufenen Taxi erbrochen hatte. Obwohl schwer betrunken, hatte sie die Wohnungstür verschlossen, einen Kübel für den Ernstfall neben ihr Bett gestellt und sich bettfertig gemacht. Nur an ein Erwachen auf Anrufe war in diesem Zustand nicht zu denken gewesen.
Beim verkaterten Blick auf ihr Handy sah sie eine SMS von B., der sie beschuldigte, für meinen fehlenden Kinderwunsch verantwortlich zu sein, weil ich mich permanent um sie sorgte.
Das bestärkte mich in meiner schlechten Meinung von ihm und es war das letzte Mal, dass ich bei ihm geblieben war. Kurze Zeit später rief er mich an und teilte mir mit, seine Frau fürs Leben gefunden zu haben und das machte mich glücklich.
Halt, das ist noch nicht ganz das Ende!
Im August 2021 erhielt ich eine Nachricht von einer mir unbekannten Nummer, in der mir jemand schrieb, er würde eine Radtour durch Österreich machen und sich darauf freuen, bei mir zu übernachten. Ich konnte mir keinen Reim auf den Namen des Verfassers machen, bis er meinte, es sei schon länger her, dass wir einander getroffen hatten. Da fiel der Groschen. An dem Zeitpunkt befand ich mich jedoch in einer Beziehung und war ohnehin nicht mehr an ihm interessiert. Nach einer freundlichen Ablehnung seines Angebots, wünschten wir einander alles Gute und vielleicht war es dieses Mal unser letzter Kontakt.