Trotz meiner bestehenden Einträge finde ich, ich habe so gut wie keine Vergangenheit, doch diese Woche hat sie mich in Form eines Mannes wieder einmal eingeholt.
Seit ich klar denken kann, leide ich unter Depressionen, ließ mich jedoch bis vor zwölf Jahren nicht behandeln; nicht weil ich nicht wollte, sondern weil ich in Ausbildung war, mich schämte und kein Geld hatte, dafür aufzukommen.
In diese Zeit fällt die Begegnung mit einem Mann, die mich gelehrt hat, dem ersten Eindruck nicht immer zu vertrauen.
Es muss 2007 gewesen sein, als mir jemand begegnete, der unverhältnismäßig nervös und aufgekratzt schien. Ich dachte, ich würde ihn durcheinanderbringen, obwohl ich weiß, dass ich normalerweise keinen Mann verwirre.
Eigentlich entsprach er überhaupt nicht dem, war ich mir von einem Mann erwarte, denn er war stark untergewichtig, klassisch bis konservativ gekleidet, hatte eine Frisur, die mir nicht gefiel und seine Stimme war alles andere als maskulin. Und doch musste er etwas an sich gehabt haben, dass ihn mir als Panik-Hoschi ins Gedächtnis eingebrannt hat.
Damas gab es noch den Vorläufer bzw. Parallelläufer von Facebook namens STudiVZ und ich schrieb ihn nach einer Phase des Mutschöpfens an.
Wir kommunizierten eine Weile und er deutete eine Einladung zum Kaffee an, die ich wörtlich nahm und uns in ein Restaurant führte. Das Rendezvous war nicht gut, denn ich war angespannt und doch hingerissen von diesem Mann, der mir immer besser gefiel, obwohl er nicht still sitzen konnte (o ja, ich machte ihn ja so nervös!).
Wir telefonierten stundenlang miteinander und als Silvester kam, saß ich einsam zu Hause, obwohl ich wusste, dass er mit Freunden bei einem Feuerwerk feiern würde. Kurzerhand meldete ich mich bei ihm, lud mich selbst ein und rutschte mit ihm ins neue Jahr. Kein Neujahrskuss kam, aber ich war zumindest bei ihm und unterhielt mich einigen Menschen, die ich später wieder treffen würde, beispielsweise meine spätere Vermieterin und den Trunkenbold.
Seine Anziehungskraft auf mich war ungebrochen, obwohl er mir eine Lüge nach der anderen auftischte: er würde gerade eine neue Stelle antreten, die ihm noch mehr Erfolg im Beruf versprach, er helfe gerade seiner Schwester beim Umzug (sie ist nie umgezogen) und fahre jedes Wochenende zu seinem Masterstudiengang an der FH. Genauso würde auch er gerade in einen neue Wohnung ziehen.
Zwischendurch trafen wir einander, er schaffte es gerade einmal, mit mir Händchen zu halten und mir einen Kuss auf die Wange zu geben, aber mehr kam nicht.
Endlich stellte ich ihn nur Rede und er meinte, er wäre im Moment nicht an einer Beziehung interessiert, was ich verzweifelt auf meine optischen und charakterlichen Mängel zurückführte. Ich zwang ihn geradezu, mich hässlich zu nennen und der Kontakt brach ab.
Ein paar Monate vergingen und meldete er sich aus heiterem Himmel, als ich im Urlaub war und tat, als ob nichts gewesen wäre. Nach meiner Rückkehr rief ich ihn an und er meinte, in einem halben Jahr hätte er wieder mehr Zeit. Das muss wohl das letzte Mal gewesen sein, dass ich etwas von ihm hörte.
Es war nicht viel später, als ich ihn wieder sah: heruntergekommen mit einem ungepflegten Vollbart, noch dürrer und psychisch offenbar am Ende. Er hatte wohl nie wirklich gearbeitet, nur ein Praktikum gemacht und war bei seiner Mutter gemeldet.
Was ich nie herausgefunden habe, ist, ob er nicht doch schwul ist, denn sein Auftreten hätte auch darauf schließen lassen, genauso wie sein Ärger, als ihn einmal jemand darauf angesprochen hat.
Diese Woche habe ich ihn wiedergesehen: normalgewichtig und klassisch gekleidet, aber fahrig wie immer, weshalb ich denke, dass das einfach seine Art ist.
Mittlerweile scheint er Kinder zu haben und treibt wahrscheinlich seine Partnerin in den Wahnsinn.
Ich glaube, er kann sich nicht einmal mehr an mich erinnern und das finde ich gut so.
Beim Gedanken, ihn je attraktiv gefunden zu haben, schäme ich mich, aber was vergangen ist, ist vergangen. Ein wenig baut mich diese Geschichte auch auf, denn ich weiß jetzt, was ich nicht will.