Mr. Nice Guy, der verkleidete Frauenfeind

Glaubt niemals, die große Liebe befände sich an der nächsten Ecke und schon gar nicht auf Facebook.

In den letzten Tagen meiner Affäre schrieb mir ein Mann, den ich bereits Jahre zuvor als gutaussehend, aber problematisch eingeschätzt hatte. Daher hatte ich mich von ihm ferngehalten.

Im Nachhinein sehe ich ihn als wandelndes Warnzeichen, doch zu Beginn fand ich ihn bemitleidenswert.

Er war vor kurzem von seiner Freundin schäbig mit Schulden sitzengelassen worden, weil er ihren Kindern gegenüber nicht liebevoll genug gewesen war und sie ihn ohnehin satt hatte. Sie hatte ihn nie ihn selbst sein lassen, sein gemeinnütziges Engagement verabscheut und im ehemaligen gemeinsamen Zuhause keinen Hinweis auf ihn oder seinen Geschmack zugelassen. Seine Schlussfolgerung war, dass er wohl zu gutmütig war, um von einer Frau geliebt zu werden.

Solche Zeilen hatte ich bereits von anderen Männern gelesen und gemerkt, wie sehr sich ihre Wahrnehmung von sich mit der seitens ihrer Mitmenschen unterschied.

Dieser Mann war aber sicher anders, denn alle, mit denen ich mich über ihn unterhielt, schwärmten von seiner liebenswürdigen Art. Das bewog mich, ihn zu treffen.

Während unserer Nachrichten hatte ich mich trotz der vielen Rechtschreibfehler ein wenig in ihn verliebt und war bei unserem ersten Rendezvous dementsprechend nervös.

Wir kamen einander näher und verbrachten viel Zeit zusammen, während der er mir immer wieder sagte, wie wunderbar ich sei. Er war andererseits von seiner vorigen Beziehung geschädigt, sodass er nicht wüsste, ob es mit uns etwas Ernstes sei.

Wenige Tage später sagte er mir, er liebe mich. Wir gingen zusammen in unserer kleinen Stadt aus und alle sahen, dass wir ein Paar waren.

Im Gegensatz dazu war seine Ex-Freundin ein Dauerthema und er gestand, dass er sie noch immer liebte. Auf meine Frage, ob er wieder mit ihr zusammenkommen wollte, meinte er, sie würde es nicht zulassen. Das verunsicherte mich, doch ich dachte, er sei damit verzweifelt genug, um bei mir zu bleiben.

Danach ließ er durchscheinen, dass wir in Zukunft zusammenziehen könnten, um wenig später zu erwähnen, dass er so gern mit einer gewissen anderen Frau zusammen wäre, doch er sei zu alt für sie. Nun ja.

Obwohl er meinte, er sei ein moderner Mann, der wüsste, dass eine Frau nicht die Sklavin ihres Mannes sei, wertete er dicke Frauen auf die schlimmste erdenkliche Weise ab. Er sagte über Frauen, die nicht seiner Meinung waren, Dinge, die sich niemand auch nur denken sollte.

Da wusste ich, dass dieser ach so gutmütige Mann nichts Anderes als ein verkleideter Frauenfeind war.

Möglicherweise war es seine Frustration über die Zurückweisung seitens anderer Frauen oder seine ihm innewohnende Bosheit; eindeutig war nur, dass er alles, nur nicht nett war.

Liebe macht blind, taub und dumm, daher versuchte ich alles, um ihn nicht gegen mich aufzubringen oder ihn unglücklich zu machen. Jedes Wort wog ich behutsam ab, bevor ich es an ihn richtete, doch ich merkte, dass ihm nichts wert war.

Nach drei Monaten saß er auf meiner Couch und war so schweigsam, dass ich ihn fragte, ob er mich denn verlassen wolle und er meinte nur ja, „aber für heute war es nicht geplant“.

Ich weiß, warum er an diesem Tag noch bei mir übernachten wollte – meine Wohnung war geografisch besser für ihn gelegen.

Nach seiner Aussage empfahl ich ihm, meine Wohnung zu verlassen und damit war es zu Ende.

Erst Monate später merkte ich, dass er mich einer Art Gehirnwäsche unterzogen und wie schlecht er mich behandelt hatte.

Dieses Intermezzo war eine prägende Erfahrung und eine Lehre für mich.

Ob es ihn in irgendeiner Weise beeinflusst hat, weiß ich nicht, doch er hat vor einigen Wochen geheiratet und ich hoffe, dass die Frau weiß. worauf sie sich einlässt.

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