In cervisia veritas?

Ich bin angreifbar, wenn es zu Schwierigkeiten in Privat- und Berufsleben kommt, denn dann öffnet sich eine Tür, die für gewöhnlich verschlossen bleibt.

2017 öffnete sie sich beim hässlichen Mann, der mir per Nachricht näher kam und sechseinhalb Jahre später riss sie ein Streit in meiner Familie wieder auf.

Meine Lage schien aussichtslos und ich verkroch mich in der Wohnung.

Es regnete in Strömen und der hässliche Mann schrieb leicht angetrunken, er ginge an meinem Haus vorbei zu sich nach Hause. Er hatte das Gefühl, er würde den Weg nicht überstehen und würde gern auf meiner Couch übernachten.

Das wollte ich nicht und ließ ihn nur ins Treppenhaus, um ihn mit dem Auto zu sich zu fahren, doch dort wollte er nicht aussteigen. Also nahm ich ihn mit in meine Wohnung und kochte Kaffee, um ihm Energie für den Heimweg zu verschaffen.

Den Kaffee trank er nicht, sondern begann, meinen verspannten Rücken zu massieren und breitete die Massage über den ganzen Körper aus.

Die Berührung fühlte sich gut an, doch plötzlich hatte ich das Gefühl, neben mir zu stehen. In mir war etwas zum Vorschein gekommen, von dem ich gedacht hatte, es wäre gut begraben.

Mein Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung war jedoch größer und so hatte ich die wohl leidenschaftlichste Begegnung meines Lebens, nach deren Ende ich ihn aus der Wohnung werfen wollte, doch er bat mich, es nicht zu tun. Darum blieb er bis zum Morgen und schrieb mir tagelang.

Fünf Tage und gefühlt fünfhundert Nachrichten später wiederholte sich die Nacht in verkürzter Form, doch als ich aufwachte, war der Mann verschwunden. Das war zu erwarten gewesen und doch fühlte ich mich ein wenig verlassen.

Ich bereue die Begegnungen nicht, denn sie haben mich einiges über mich selbst gelehrt.

Einmal Familie und zurück

O ja, nach der letzten prägenden Erfahrung würde ich nie wieder nach der Liebe suchen. Und dann kam die Coronaviruspandemie und mit ihr eine nagende Einsamkeit.

Nach mehr als tausend Kilometern allein auf meinem Fahrrad, das ich mir statt einer Südenglandreise gekauft hatte, kam mir die wieder einmal Anzeige für ein preisreduziertes Abonnement der erfolglosen Partnersuchwebsite unter. Die Verzweiflung ließ mich einen weiteren Versuch starten.

Es war wieder so deprimierend wie zuvor, nur, dass mich der erste Mann gleich versetzte und der Mann danach meinte, er sei krank (später erfuhr ich, dass er ehrlich gewesen war).

Ich war wütend und schrieb aus Frust einem Anderen, von dem mir schien, dass er sich an dem Tag ohnehin langweilte. Erleichtert, dass er besser als auf den Fotos aussah, unterhielten wir uns stundenlang blendend und die Tatsache, dass er zwei Kinder im Volksschulalter hatte, schreckte mich trotz meiner Abneigung gegen Kinder nicht ab.

Meine Zweifel konzentrierten sich eher auf sein riesiges Haus, für das es keine Putzhilfe gab und den angrenzenden aufgelassenen Bauernhof mit seinen Relikten.

Wir trafen uns nach meinem kurzen Aufenthalt in Frankfurt regelmäßig und wurden bald ein Paar.

Die Kinder wollte ich erst nach einigen Monaten kennenlernen, doch ich ließ mich dazu überreden, sie nach ungefähr sechs Wochen zu treffen. Der Eindruck war durchwachsen, weil sie durch Homeschooling und Scheidung der Eltern Defizite in ihrer Entwicklung zeigten.

Wie immer dachte ich, ich würde das schon schaffen, doch die soziale Komponente des Lebens war noch nie meine Stärke.

Lernschwierigkeiten, psychische Probleme der Kinder und meinerseits entwickelten sich zu einem Pulverfass.

Auch kam ein Detail zum Vorschein, das zu Beginn „vergessen“ worden war: er hatte mich zwei Monate nach seiner Scheidung kennengelernt und war nicht über seine Ex-Frau hinweggekommen. Sie ist hinreißend schön, nicht gerade selbstbewusst und hat nur geringen intellektuellen Anspruch, hatte zu jung geheiratet und sich für ihn stark verändert. Mit den Jahren hatte sie gemerkt, dass dieses Leben nicht zu ihr passte und entwickelte sich ihn ihre Richtung, die sich von ihm meilenweit entfernte.

Sein verletzliches Ego kam damit nicht zurecht und mit den Monaten merkte ich, dass er nicht nur in dieser Hinsicht leicht kränkbar war.

Stundenlange Monologe über die Schlechtigkeit seiner Mitmenschen ließen sogar mich für gewöhnlich gute Zuhörerin gedanklich abschweifen.

Ich durfte mein Elektroauto bei ihm aufladen, was mir schlechtes Gewissen bereitete wie der Umstand, dass ich Zeit bei ihm verbrachte und nichts in sein Haus investiert hatte. Nachdem ich gemerkt hatte, wie geizig er war, dachte ich, es würde uns beiden helfen, wenn ich mich finanziell einbrachte. Daher schlug ich vor, das Geld für eine Photovoltaikanlage bereitzustellen, wenn unsere Beziehung stabil genug war, um ein Jahr lang zu halten. Das vergaß er nicht und ich hielt mein teures Versprechen.

Trotz des Wortschwalles, der auf immer wieder mich niederging, erzählte er mir die wichtigen Dinge nicht, etwa, dass seine Kinder im Hintergrund unsere Beziehung demolierten. Das gestand er mir erst, als ich mich bereits in einem psychischen Ausnahmezustand befand. Ich bot ihm an, die Beziehung zu beenden, um zumindest diesen Krisenherd in seinem Leben zu beseitigen.

Das bedeutete für ihn eine weitere Niederlage, weil nicht er, sondern ich diesen Schritt setzte und daher meinte er, wir könnten locker zusammenbleiben und sehen, wie es weitergehe. In meiner Dummheit ließ ich mich darauf ein. Das Verhältnis setzte sich nahezu unverändert fort mit dem Unterschied, dass er mir nicht mehr sagte, er liebe mich (es hatte unglaubwürdig geklungen) und sich vorbehielt, mich zu verlassen, sobald sich eine bessere Gelegenheit ergab.

Als Weihnachten vor der Tür stand, war ich unschlüssig, ob es klug sei, ihn zu beschenken, doch er meinte, er hätte etwas für mich gekauft (vermutlich das übliche hässliche Schmuckstück wie immer) und ich entschloss mich dazu, ihm ein Geschenk zu machen, von dem ich wusste, es würde ihm gefallen.

Sieben Tage danach gab ich es zurück, weil er mich genauso sieben Tage vor Weihnachten endgültig verlassen hatte.

Er hatte in den letzten drei Monaten unsere Beziehung wie eine insolvente Firma abgewickelt – löste mich von seinen Freunden und zahlte mir das Geld für die Photovoltaikanlage zurück, weil es doch zu viel gewesen war. In den sozialen Medien sperrte er für mich seine Freundesliste, vermutlich, weil er bereits auf der Suche nach einer anderen Frau war, doch mir erzählte er etwas Anderes.

Obwohl es absehbar gewesen war, traf mich das Ende der Beziehung hart und er hatte die Möglichkeit, mir das sachlich und trotzdem mitfühlend zu erklären.

Oder doch nicht?

Nachdem ich zwei Jahre Zeit gehabt hatte, ihn kennenzulernen, machte es eher den Eindruck auf mich, dass er nun dieses Kapitel seines Lebens mit erhobenem Kopf abschließen konnte, weil er mich verlassen hatte.

Er hatte einen seiner Kämpfe im Leben gewonnen.

Mehr als ein halbes Jahr danach ist in mir der Entschluss gereift, dass ich weiter mein Glück suche, doch von den Männern halte ich Abstand.

Vor kurzem bin ich vierzig Jahre alt geworden – ich bin zu alt für diesen Unsinn.

Mr. Nice Guy, der verkleidete Frauenfeind

Glaubt niemals, die große Liebe befände sich an der nächsten Ecke und schon gar nicht auf Facebook.

In den letzten Tagen meiner Affäre schrieb mir ein Mann, den ich bereits Jahre zuvor als gutaussehend, aber problematisch eingeschätzt hatte. Daher hatte ich mich von ihm ferngehalten.

Im Nachhinein sehe ich ihn als wandelndes Warnzeichen, doch zu Beginn fand ich ihn bemitleidenswert.

Er war vor kurzem von seiner Freundin schäbig mit Schulden sitzengelassen worden, weil er ihren Kindern gegenüber nicht liebevoll genug gewesen war und sie ihn ohnehin satt hatte. Sie hatte ihn nie ihn selbst sein lassen, sein gemeinnütziges Engagement verabscheut und im ehemaligen gemeinsamen Zuhause keinen Hinweis auf ihn oder seinen Geschmack zugelassen. Seine Schlussfolgerung war, dass er wohl zu gutmütig war, um von einer Frau geliebt zu werden.

Solche Zeilen hatte ich bereits von anderen Männern gelesen und gemerkt, wie sehr sich ihre Wahrnehmung von sich mit der seitens ihrer Mitmenschen unterschied.

Dieser Mann war aber sicher anders, denn alle, mit denen ich mich über ihn unterhielt, schwärmten von seiner liebenswürdigen Art. Das bewog mich, ihn zu treffen.

Während unserer Nachrichten hatte ich mich trotz der vielen Rechtschreibfehler ein wenig in ihn verliebt und war bei unserem ersten Rendezvous dementsprechend nervös.

Wir kamen einander näher und verbrachten viel Zeit zusammen, während der er mir immer wieder sagte, wie wunderbar ich sei. Er war andererseits von seiner vorigen Beziehung geschädigt, sodass er nicht wüsste, ob es mit uns etwas Ernstes sei.

Wenige Tage später sagte er mir, er liebe mich. Wir gingen zusammen in unserer kleinen Stadt aus und alle sahen, dass wir ein Paar waren.

Im Gegensatz dazu war seine Ex-Freundin ein Dauerthema und er gestand, dass er sie noch immer liebte. Auf meine Frage, ob er wieder mit ihr zusammenkommen wollte, meinte er, sie würde es nicht zulassen. Das verunsicherte mich, doch ich dachte, er sei damit verzweifelt genug, um bei mir zu bleiben.

Danach ließ er durchscheinen, dass wir in Zukunft zusammenziehen könnten, um wenig später zu erwähnen, dass er so gern mit einer gewissen anderen Frau zusammen wäre, doch er sei zu alt für sie. Nun ja.

Obwohl er meinte, er sei ein moderner Mann, der wüsste, dass eine Frau nicht die Sklavin ihres Mannes sei, wertete er dicke Frauen auf die schlimmste erdenkliche Weise ab. Er sagte über Frauen, die nicht seiner Meinung waren, Dinge, die sich niemand auch nur denken sollte.

Da wusste ich, dass dieser ach so gutmütige Mann nichts Anderes als ein verkleideter Frauenfeind war.

Möglicherweise war es seine Frustration über die Zurückweisung seitens anderer Frauen oder seine ihm innewohnende Bosheit; eindeutig war nur, dass er alles, nur nicht nett war.

Liebe macht blind, taub und dumm, daher versuchte ich alles, um ihn nicht gegen mich aufzubringen oder ihn unglücklich zu machen. Jedes Wort wog ich behutsam ab, bevor ich es an ihn richtete, doch ich merkte, dass ihm nichts wert war.

Nach drei Monaten saß er auf meiner Couch und war so schweigsam, dass ich ihn fragte, ob er mich denn verlassen wolle und er meinte nur ja, „aber für heute war es nicht geplant“.

Ich weiß, warum er an diesem Tag noch bei mir übernachten wollte – meine Wohnung war geografisch besser für ihn gelegen.

Nach seiner Aussage empfahl ich ihm, meine Wohnung zu verlassen und damit war es zu Ende.

Erst Monate später merkte ich, dass er mich einer Art Gehirnwäsche unterzogen und wie schlecht er mich behandelt hatte.

Dieses Intermezzo war eine prägende Erfahrung und eine Lehre für mich.

Ob es ihn in irgendeiner Weise beeinflusst hat, weiß ich nicht, doch er hat vor einigen Wochen geheiratet und ich hoffe, dass die Frau weiß. worauf sie sich einlässt.

Eine kleine Affäre

Mein virtueller Kampf mit dem hässlichen Mann hatte mich davor abgeschreckt, je wieder eine Beziehung zu beginnen, doch 2018 wurde meine Umgebung angesichts meines 35. Geburtstages immer ungeduldiger mit mir.

Sogar der Ex-Partner, der mich 2016 verlassen hatte, wollte auf einer Dating-Website ein Profil für mich erstellen, weil er so seine Frau fürs Leben kennengelernt hatte. Bevor es soweit war, konnte ich mich dazu durchringen, mich selbst zu registrieren.

Ich bin generell kein Mensch, der gern online einkauft und die Partnersuche im Internet fühlt sich nicht anders an. Bilder, die in diesen Portalen hochgeladen werden, sind so bearbeitet, dass sie fast immer einen attraktiven Menschen darstellen, doch ich hatte gedacht, so schlimm könnte es schon nicht werden.

Zwei Treffen später war ich eines besseren belehrt worden und dachte mir, ich sehe mir nur noch diesen einen Mann an, weil er in meiner Nähe wohnt und dann lasse ich es sein.

Es war sehr amüsant, sich mit ihn zu unterhalten und sein starkes Übergewicht trat in den Hintergrund für mich.

Wir machten kurz darauf einen erstaunlich romantischen Ausflug, bei dem er mir etwas näher kam und an dessen Ende wir uns küssten, wobei der Kuss ein Detail enthielt, das mir Aufschluss über Vorlieben seinerseits gab.

Davon war ich überraschend begeistert und ich hätte gewollt, dass er meine Familie kennenlernt, doch da zeigte er mir, dass er nicht für etwas Festes zu begeistern war.

Da ich mich nicht richtig verliebt hatte, war es in Ordnung für mich und eine Freundschaft mit gewissen Vorzügen war an diesem Punkt meines Lebens genau das Richtige.

Sein Charakter war viel besser als ich gedacht hätte, denn als ich im Krankenhaus lag, brachte er mir alles Notwendige und kümmerte sich sogar um meine Haustiere. Ich hätte verstanden, wenn ihm das zu viel geworden wäre, doch er hat mich in dieser Situation gerettet.

Manchmal sucht der Mensch trotzdem Liebe und ich dachte damals plötzlich, sie würde um die Ecke auf mich warten.

Auf diese Weise verabschiedeten wir uns nach einem halben Jahr im Guten voneinander.

Ein Jahr darauf trafen wir einander zufällig beim Radfahren und er begrüßte mich so leidenschaftlich wie beim Treffen davor. Bei ihm ließ ich das zu, denn ich verdanke ihm mehr als ich hier niederschreiben möchte.

Wir sind noch sporadisch in Kontakt und ich wünsche ihm eine Frau, mit der er langfristig glücklich wird.

Einschub : Wo sind die Möbel?

Obwohl ich selbst nicht weiß, wer gut für mich ist, wissen es andere noch weniger.

Ende 2017 hatte meine Schwester beschlossen, dass ich wieder einen Partner brauchte und stellte mir ihren Schweizer Arbeitskollegen vor.

Er war ungefähr vier Jahre älter als ich und ein Mensch, der keine Jeans trägt.

Optisch gefiel er mir nicht, doch darauf kommt es nicht immer an, daher trafen wir uns und ich versuchte, mit ihm ein Gespräch aufzubauen. Er war eher ein lebloser Charakter, doch so schnell gab ich nicht auf und nachdem er endlich einen Rollkragenpullover statt eines Hemdes trug, war er ein erfreulicherer Anblick.

Zu Silvester trafen wir uns, er kochte für mich und ich durfte seine spartanisch ausgestattete Wohnung betreten. Ein paar Küchenkästen, eine Couch, zwei Tische und zwei Sessel nannte er sein eigen, der Rest befand sich am Boden.

Für ihn war es wichtig, innerhalb kürzester Zeit seine Sachen zu packen und umziehen zu können. Außerdem wollte er sich damals mit vierzig Jahren zur Ruhe setzen und lebte daher sehr sparsam.

Das war nicht mein Lebensmodell, doch es hielt mich nicht davon ab, ihm näher zu kommen, denn ich hatte mich langsam an ihn gewöhnt. Leider konnte er keine tieferen Gefühle für mich entwickeln, da er noch immer an seiner Ex-Freundin hing.

Tatsächlich hörte er mit vierzig Jahren auf zu arbeiten und zog später nach Ungarn, weil ihm das Leben in Österreich zu teuer war.

Das letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er mittlerweile in ein Kloster eingetreten ist, was seinem anspruchslosen Wesen entgegenkommt.

Hässlich als das neue sexy und zurück

Als Kind dachte ich, Menschen mit einem Hochschulabschluss würden nur kluge Entscheidungen treffen.

Heute bin ich einer von diesen auch so intelligenten Menschen und weiß, dass diese Ansicht nur ein Kind oder jemand Argloses teilen kann.

Im Februar 2017 hatte ich meine letzte Beziehung längst verarbeitet und langweilte mich.

Nach einer Italienreise kam ich nicht nur mit Souvenirs, sondern auch mit Schwindel nach Hause, der mich größtenteils an die Couch fesselte.

Zu dieser Zeit war ich mit einem intelligenten und beeindruckend hässlichen Mann in den sozialen Medien „befreundet“, da wir beruflich immer wieder in Verbindung waren.

Eines Abends schrieb er mir, selbst von einem Bandscheibenvorfall gequält – wir teilten unser Leid, doch je später es wurde, desto mehr ging die Konversation in eine sexuelle Richtung. Neugierig wollte ich wissen, wie weit er gehen würde und er ging bis zum Äußersten.

Manchmal hat Hässlichkeit etwas Erotisches an sich und ich wollte ihn treffen, doch als ich ihn einmal besuchte, konnte er vor Nervosität nicht still sitzen und war verklemmt. Weitere Treffen verhinderte er immer wieder, da ihn die Distanz mutiger machte.

Gegenüber meinen Eltern war er nicht so feige und sprach mit ihnen dreist über meinen Beziehungsstatus.

Einige wenige Male ließ ich mich zu diesem Nachrichtenwechsel hinreißen, doch mit der Zeit war ich es leid.

Er lässt jedoch bis heute nicht locker und sendet mir zusätzlich immer wieder Fotos von meinem Haus, wenn er daran vorbeigeht.

Das macht ihn zu einem weiteren Grund, warum ich umziehen will.

Oma erledigt dich

2012 genoss ich mein Leben als Single endlich, ohne mir Gedanken um eine Beziehung zu machen.

Und dann bremste im Mai ein Auto vor mir, als ich im Hinterhof meines Wohnhauses bei den Mülltonnen stand. Ein Mann, den ich vom Sehen kannte, stieg aus und fragte mich, ob wir nicht einmal einen Kaffee trinken gehen wollten.

Überrumpelt sagte ich zu, meinte jedoch, dass er sich gedulden müsse, da ich in den nächsten zwei Wochen beruflich verplant sei.

Eine gute Woche später sah ich, wie er den Supermarkt nach mir betrat und versuchte, mich lang genug in einer Nische aufzuhalten, um ihm zu entkommen, doch er holte mich ein und wir unterhielten uns besser als gedacht.

Daraufhin willigte ich erneut auf seine Einladung ein und wir verabredeten, dass er mich am Samstagabend abholen sollte.

Er kam zu mir und wir gingen vorerst nirgendwohin – nach angeregter Unterhaltung küssten wir uns und ich nahm ihn zu einem Fest mit.

Die Nacht verbrachte er bei mir und die nächsten eineinhalb Jahre genauso.

Nun hätten wir glücklich unser weiteres Leben miteinander verbringen können, wenn die böse Großmutter nicht gewesen wäre.

Es war mündlich vereinbart worden, dass er ihr Haus erbte und zuerst das Obergeschoß renovierte. Er hielt seinen Teil der Abmachung ein und Schritt für Schritt wurde diese Wohneinheit unser Rückzugsort.

Oma kannte keine Privatsphäre und betrat die Wohnung nach ihrem Gutdünken, doch die Situation war bis nach dem ersten Weihnachtsfest erträglich.

Dann zeigte Oma ihr wahres Gesicht und die Anzeigeversuche bei der Polizei häuften sich. Im ganzen Ort verbreitete sie Lügen über meine Verbrechen, verlor dutzende Schlüssel, lotste einen Polizisten durch das Fenster ins Gartenhaus, weil wir sie angeblich eingesperrt hätten, obwohl der Schlüssel auf ihrer Seite steckte.

Nachdem sie mich wieder unflätig beschimpft hatte, verließ ich fluchtartig das Haus, packte wenig später meine Sachen und wir zogen in die Wohnung neben meiner ursprünglichen. Der Polizeischutz während meines Auszuges wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

Wir liebten einander, doch die vielen Unterschiede unserer Lebensführung konnte das nicht überwinden. Ein halbes Jahr nach der Flucht vor Oma verließ er mich und ich zog wieder in meine alte Wohnung.

Oma starb zwei Jahre später und fast niemand kam zu ihrer Beerdigung. Sie wurde eingeäschert, doch wenige Monate sah ich eine Notiz von einer Frau mit fast dem gleichen Namen – kurz dachte ich, die Hexe wäre nicht verbrannt.

Heute ist der Mann mit einer hinreißenden Frau verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. Wir sind bessere Freunde als wir je als Paar waren.


Panik-Hoschi

Trotz meiner bestehenden Einträge finde ich, ich habe so gut wie keine Vergangenheit, doch diese Woche hat sie mich in Form eines Mannes wieder einmal eingeholt.

Seit ich klar denken kann, leide ich unter Depressionen, ließ mich jedoch bis vor zwölf Jahren nicht behandeln; nicht weil ich nicht wollte, sondern weil ich in Ausbildung war, mich schämte und kein Geld hatte, dafür aufzukommen.

In diese Zeit fällt die Begegnung mit einem Mann, die mich gelehrt hat, dem ersten Eindruck nicht immer zu vertrauen.

Es muss 2007 gewesen sein, als mir jemand begegnete, der unverhältnismäßig nervös und aufgekratzt schien. Ich dachte, ich würde ihn durcheinanderbringen, obwohl ich weiß, dass ich normalerweise keinen Mann verwirre.

Eigentlich entsprach er überhaupt nicht dem, war ich mir von einem Mann erwarte, denn er war stark untergewichtig, klassisch bis konservativ gekleidet, hatte eine Frisur, die mir nicht gefiel und seine Stimme war alles andere als maskulin. Und doch musste er etwas an sich gehabt haben, dass ihn mir als Panik-Hoschi ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Damas gab es noch den Vorläufer bzw. Parallelläufer von Facebook namens STudiVZ und ich schrieb ihn nach einer Phase des Mutschöpfens an.

Wir kommunizierten eine Weile und er deutete eine Einladung zum Kaffee an, die ich wörtlich nahm und uns in ein Restaurant führte. Das Rendezvous war nicht gut, denn ich war angespannt und doch hingerissen von diesem Mann, der mir immer besser gefiel, obwohl er nicht still sitzen konnte (o ja, ich machte ihn ja so nervös!).

Wir telefonierten stundenlang miteinander und als Silvester kam, saß ich einsam zu Hause, obwohl ich wusste, dass er mit Freunden bei einem Feuerwerk feiern würde. Kurzerhand meldete ich mich bei ihm, lud mich selbst ein und rutschte mit ihm ins neue Jahr. Kein Neujahrskuss kam, aber ich war zumindest bei ihm und unterhielt mich einigen Menschen, die ich später wieder treffen würde, beispielsweise meine spätere Vermieterin und den Trunkenbold.

Seine Anziehungskraft auf mich war ungebrochen, obwohl er mir eine Lüge nach der anderen auftischte: er würde gerade eine neue Stelle antreten, die ihm noch mehr Erfolg im Beruf versprach, er helfe gerade seiner Schwester beim Umzug (sie ist nie umgezogen) und fahre jedes Wochenende zu seinem Masterstudiengang an der FH. Genauso würde auch er gerade in einen neue Wohnung ziehen.

Zwischendurch trafen wir einander, er schaffte es gerade einmal, mit mir Händchen zu halten und mir einen Kuss auf die Wange zu geben, aber mehr kam nicht.

Endlich stellte ich ihn nur Rede und er meinte, er wäre im Moment nicht an einer Beziehung interessiert, was ich verzweifelt auf meine optischen und charakterlichen Mängel zurückführte. Ich zwang ihn geradezu, mich hässlich zu nennen und der Kontakt brach ab.

Ein paar Monate vergingen und meldete er sich aus heiterem Himmel, als ich im Urlaub war und tat, als ob nichts gewesen wäre. Nach meiner Rückkehr rief ich ihn an und er meinte, in einem halben Jahr hätte er wieder mehr Zeit. Das muss wohl das letzte Mal gewesen sein, dass ich etwas von ihm hörte.

Es war nicht viel später, als ich ihn wieder sah: heruntergekommen mit einem ungepflegten Vollbart, noch dürrer und psychisch offenbar am Ende. Er hatte wohl nie wirklich gearbeitet, nur ein Praktikum gemacht und war bei seiner Mutter gemeldet.

Was ich nie herausgefunden habe, ist, ob er nicht doch schwul ist, denn sein Auftreten hätte auch darauf schließen lassen, genauso wie sein Ärger, als ihn einmal jemand darauf angesprochen hat.

Diese Woche habe ich ihn wiedergesehen: normalgewichtig und klassisch gekleidet, aber fahrig wie immer, weshalb ich denke, dass das einfach seine Art ist.

Mittlerweile scheint er Kinder zu haben und treibt wahrscheinlich seine Partnerin in den Wahnsinn.

Ich glaube, er kann sich nicht einmal mehr an mich erinnern und das finde ich gut so.

Beim Gedanken, ihn je attraktiv gefunden zu haben, schäme ich mich, aber was vergangen ist, ist vergangen. Ein wenig baut mich diese Geschichte auch auf, denn ich weiß jetzt, was ich nicht will.

Wahnsinn-ig-er!

Schon einmal darüber nachgedacht, wie es gewesen wäre, wenn ihr doch diesen einen Burschen in der Schule geküsst hättet, der so süß aussah?

Das ging mir selten, aber doch durch den Kopf, doch die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Und wenn man es versucht, ist das Ergebnis doch nicht so schön wie man es sich vorgestellt hat.

Im Sommer 2010 bekam meine Schwester Besuch von einem lieben Freund aus Schottland, den auch ich wenige Monate zuvor in Berlin kennengelernt hatte. Ich weiß noch, dass es kurzzeitig wie aus Kübeln schüttete, doch das tat unserer guten Stimmung keinen Abbruch und wir drei beschlossen, tanzen zu gehen. Ein Lokal war schnell ausgewählt und wir genossen den Abend in vollen Zügen.

Nach einer Weile bemerkte ich diesen Mann, den ich nur einmal küssen wollte. Er erkannte mich wieder und wir unterhielten uns gut, tanzten weiter und irgendwann schnappten wir frische Luft, wo wir uns näherkamen. Es war ein perfekter Abend, obwohl sich nach einem frühmorgendlichen Bäckereibesuch unsere Wege trennten. Am nächsten Tag saßen wir einträchtig beim Essen und Kaffee mit anderen Freunden zusammen und ich dachte, der Mensch ist mir sympathisch. Meine Umgebung sah das etwas anders, denn bereits zu diesem Zeitpunkt nannte ihn niemand bei seinem Namen, sondern er war bei allen nur der Wahnsinnige.

Ein paar Wochen später war ich mit meiner Kusine beim Donauinselfest, wo er zu uns stieß und ich den verbleibenden Abend mit ihm verbrachte. Ich hätte reagieren müssen, als ich seinen Aufzug sah – diese kurzen Hosen, die für schon für eine Frau zu viel zeigen und diese ein kleines Bisschen zu verrückte Art, doch das hielt mich nicht davon ab, bei ihm die Nacht zu verbringen.

Er gab mir jedoch ohnehin zu verstehen, dass er nie mit mir schlafen würde, denn das würde er nur mit einer Frau tun, die er liebte….in Ordnung, ich wusste, woran ich war. Am nächsten Morgen zahlte ich unsere Rechnung beim Bäcker, was für ihn selbstverständlich zu sein schien und wir machten einen romantischen Spaziergang am Friedhof. Obwohl ich selbst ein morbider Mensch bin, schien mir das für das zweite Treffen ein wenig zu viel.

Von Zeit zu Zeit rief er mich an, doch wenn sein Name auf dem Display erschien, hätte ich am liebsten abgelehnt. Leider bin ich ein Mensch, der so etwas nie tun würde und das ließ mich ihn näher kennenlernen. Er wollte sich auf Kindergärtner umschulen lassen, doch niemand wollte ihn einstellen. Das war eine weise Entscheidung, da er unter unkontrollierbaren Wutanfällen gepaart mit schwer behandelbaren Depressionen litt und das für mich eine Kombination darstellt, die Kindern nicht zu nahekommen sollte. Abgesehen davon war ein Mann voller Dünkel gegenüber allen, die keine Matura gemacht hatten, obwohl er selbst eine Weile von der Notstandshilfe gelebt hatte.

Weitere wenige Wochen später bekam meine Schwester eine Einladung zu einer Geburtstagsparty. Ich begleitete sie wieder und ich beschloss, B. dorthin mitzunehmen. Die Party war eigenartig, doch meine Schwester hatte einen für sie attraktiven Mann erspäht und wir ließen sie dort, um ihr Glück zu versuchen. Mir war bei dem Gedanken nicht wohl, denn sie hatte bereits einiges getrunken und kannte auf der Party nur wenige Leute.

B. ließ mich wieder bei sich übernachten und das war auch gut, obwohl wir nie miteinander schliefen und seine Bettwäsche immer nach Kartoffelchips roch.

Meine Meinung von Frühaufstehern wurde durch ihn nicht verbessert, als er mich noch vor acht Uhr aus dem Bett warf, weil er auf die Kinder von Bekannten aufpassen wollte.

Nun war ich ausgesetzt in einer großen Stadt und wollte meine Schwester aufsuchen, die auf keinen meiner Anrufe reagierte. So ging ich in ein nahegelegenes Kaffeehaus, bis sie endlich aus ihrem komatösen Schlaf erwachte.

Sie hatte sich in einen massiven Rausch getrunken, jedoch Vorkehrungen getroffen, nachdem sie sich einmal aus einem für sie gerufenen Taxi erbrochen hatte. Obwohl schwer betrunken, hatte sie die Wohnungstür verschlossen, einen Kübel für den Ernstfall neben ihr Bett gestellt und sich bettfertig gemacht. Nur an ein Erwachen auf Anrufe war in diesem Zustand nicht zu denken gewesen.

Beim verkaterten Blick auf ihr Handy sah sie eine SMS von B., der sie beschuldigte, für meinen fehlenden Kinderwunsch verantwortlich zu sein, weil ich mich permanent um sie sorgte.

Das bestärkte mich in meiner schlechten Meinung von ihm und es war das letzte Mal, dass ich bei ihm geblieben war. Kurze Zeit später rief er mich an und teilte mir mit, seine Frau fürs Leben gefunden zu haben und das machte mich glücklich.

Halt, das ist noch nicht ganz das Ende!

Im August 2021 erhielt ich eine Nachricht von einer mir unbekannten Nummer, in der mir jemand schrieb, er würde eine Radtour durch Österreich machen und sich darauf freuen, bei mir zu übernachten. Ich konnte mir keinen Reim auf den Namen des Verfassers machen, bis er meinte, es sei schon länger her, dass wir einander getroffen hatten. Da fiel der Groschen. An dem Zeitpunkt befand ich mich jedoch in einer Beziehung und war ohnehin nicht mehr an ihm interessiert. Nach einer freundlichen Ablehnung seines Angebots, wünschten wir einander alles Gute und vielleicht war es dieses Mal unser letzter Kontakt.

Der Zettelregen und der Trunkenbold

 

Zu Beginn des Jahres 2009 lebte ich ein gutes halbes Jahr in dieser Kleinstadt und trieb ziellos durch mein Leben. Zurückgezogen mit meinen Katzen verließ ich das Haus nur für die Arbeit oder Reisen.

Das Jahr war noch jung und ich wollte meine Wohnung verlassen, als ein Regen von Zetteln und einer Ansichtskarte auf mich herunterfiel.

In einer katastrophalen Handschrift stand geschrieben, dass ich jemanden anrufen sollte, dessen Namen ich neben der Telefonnummer nicht entziffern konnte.

Da mir ohnehin meist langweilig war, rief ich tatsächlich an und es meldete sich der Mann, dessen Avancen ich zu Silvester 2008 abgewehrt hatte, da ich damals noch glaubte, es könnte sich derjenige, mit dem ich ins neue Jahr rutschte, in mich verlieben.

Wir unterhielten uns erstaunlich gut und beschlossen, uns zum Rodeln zu treffen. In diesem Jahr fiel so viel Schnee, dass die Piste, auf der wir hinunterschießen wollten, stark verschneit war und wir so oft von der Rodel fielen, bis wir eine Hütte erreichten, in der wir uns aufwärmten und der Gute sein erstes Bier trank.

Bei näherer Ansicht war ich mir nicht mehr sicher, ob ich diesen Mann in meine Auswahl nehmen sollte, doch ohne Alternative dachte ich, wir könnten ja sehen, wie es weitergehe.

Eine weitere Verabredung stand an und wir gingen in die einzige Bar der Stadt. Für mich als Person, die in einer relativ angesehenen Position arbeitet, war es schwierig, dort mit einem Mann aufzutauchen und gar mit einem anderen als 2008. Ihn störte es weniger, denn er trank und trank und trank.

Obwohl es mir unangenehm war, fragte ich ihn dennoch, ob er zu mir hinaufkommen wollte. Ich war nicht sicher, was passieren würde, da ich nie eine anziehende Wirkung auf Männer ausgeübt hatte. Für ihn war es eine klare Sache und als er mich umarmte, wusste ich genau, was er wollte.

Nun hatte meine Couch etwas zu erzählen – genauso wie meine Katze, die uns mit großen Augen zusah. Er verbrachte die Nacht bei mir und brachte am Morgen danach noch einmal die gewünschte Leistung.

Nach den Jahren als Single war ich mir nicht sicher, was ich von der ganzen Sache halten sollte.

War das jetzt ein One-Night-Stand oder hatte es etwas zu bedeuten, da wir am Tag danach noch einen Spaziergang machten?

Kurze Zeit danach lud er mich zu einem Treffen seiner christdemokratisch geprägten Studentenverbindung ein, die praktischerweise ihren Sitz nahe meiner Wohnung hatte. Als ich dort die Toilette aufsuchen wollte, zeigte er mir den Weg zum Pissoir – so richtig als Frau nahm er mich doch nicht wahr.

Im Gegensatz dazu nahm uns der katholische Taliban als Paar wahr und hielt mir sofort nach seinem Erscheinen eine Zeitschrift unter die Nase, die Abtreibung verteufelte.

Der Trunkenbold übernachtete bei mir und als ich wenig später die Einweihungsfeier für meine Wohnung veranstaltete, kam er mit einem Freund vorbei, doch betrunken wie zumeist und beleidigte alle meine anwesenden Freundinnen.

Verliebt war ich nicht, doch eine gewisse emotionale Bindung hatte sich entwickelt, die sich relativ schnell auflöste, als ich hörte, er wäre mit einer anderen Frau ausgegangen.

Ein halbes Jahr später verbrachten wir noch einmal die Nacht miteinander, um mich darin zu bestärken, dass dieser Mann nicht für eine Beziehung zu gebrauchen ist.

Sein Freund wollte bei einer Freundin von mir landen, doch er war so ungeschickt, dass er erfolglos blieb.

Was mir geblieben ist, ist ein Feuerlöscher, den er mir als Feuerwehrmann vergünstigt organisiert hat und dafür bin ich N. dankbar.